Layout Klartext 2022

Unter der Rubrik „Klartext“ möchten wir Sie zum gemeinsamen Nachdenken anregen. Dabei greifen wir Themen oder Thesen auf, die uns im Markt begegnen.  Unter der Rubrik „Klartext“ formulieren wir klar, deutlich, manchmal zugespitzt und hoffentlich nicht abgeschliffen und schon gar nicht gefällig im typischen Berater-Sprech.

 

Wer Kandidaten einen elevator-pitch im Vorstellungsgespräch abverlangt,  …..

Es gibt verschiedene Varianten des elevator-pitch, wir beziehen uns an dieser Stelle auf die besonders kritische: „Sie haben nun eine Minute Zeit, uns zu sagen, warum wir gerade Sie einstellen sollten“.

Bevor wir uns inhaltlich dazu äußern: Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, weil Sie Beschwerden haben. Dieser sagt zu Ihnen: „Sie haben 40 Sekunden, mir zu sagen, was mit Ihnen los ist“.

Oder Sie gehen ins Autohaus und der Verkäufer begrüßt Sie mit den Worten „Ich gebe Ihnen 70 Sekunden, mir zu sagen, warum ich Sie bedienen sollte“.

Nach dem anstrengenden Autokauf wollen Sie sich stärken und gehen ins Restaurant. Nun drehen Sie den Spieß um und sagen zum Kellner „Ich sehe, Sie bieten drei Menüs an. Ich gebe Ihnen 30 Sekunden, mir zu sagen, welches ich nehmen soll und warum“.

Wie empfinden Sie diese Situationen? Angenehm? Wertschätzend?   

Zurück zum Eingangsstatement: „Sie haben nun eine Minute Zeit, uns zu sagen, warum wir gerade Sie einstellen sollten“.

Nichts an dieser Aufforderung ist gut, aber sehr viel ist schlecht, falsch, schädlich.

Ein Vorstellungsgespräch ist ein beiderseitiger Dialog auf Augenhöhe. Deswegen sprechen wir auch nicht unreflektiert von Bewerbern, denn der Begriff per se impliziert die einseitige Sicht, es gäbe das Unternehmen (das nicht um Leistungsträger werben müsste, sondern dankenswerter Weise bereit ist, eine Stelle zu vergeben) und Menschen, die sich um die Gunst der Entscheider be-werben müssten, um diese Stelle zu ergattern.  

Erstens: weg mit dem Begriff „Bewerber“. Verbannen Sie diesen Begriff und die damit verbundene Haltung!

Besser ist der Begriff „Interessent“, denn Interesse darf man unterstellen, ohne, dass allein das Wort ein Urteil darüber erlaubt, ob der Interessent den Job haben will (weil er eine Verbesserung darstellt) oder haben muss (existenziell) und wer auf wen zuging (Interessent aufgrund Stellenausschreibung auf Sie oder Sie -bzw. ein beauftragter Dritter, z. B. Personalberater- auf ihn.

Zweitens: Die in der Vorgabe „Sie haben eine Minute Zeit, …“ geäußerte Haltung hat mit Augenhöhe jedenfalls nichts zu tun.  Sie liefert aber dem Interessenten einen Hinweis auf Ihren Führungsstil. Beim Bewerber können Sie sich das ggf. noch erlauben, weil dieser den Job ja unbedingt haben muss (zumindest können Sie sich das so lange erlauben, bis der Bewerber eine Firma findet, die wertschätzender auftritt).  Ein Interessent muss Ihr Angebot nicht annehmen, er kann „Nein“ sagen, ohne dass es ihm schlechter geht.

Ein selbstbewusster Interessent lässt sich so etwas auch nicht gefallen und kann etwa so reagieren:

  1. Sie laden mich zum Gespräch ein und machen mir Vorgaben, wie ich zu antworten habe?
  2. Haben wir ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, in dem Sie den Rahmen setzen?
  3. Nur, wenn ich Sie das Gleiche dann auch fragen darf.

 

Kleine Anmerkung: auf den Kununu-Eintrag dieses Interessenten darf sich das Unternehmen jetzt schon freuen…

Direkte Frage: Darf der Interessent Ihnen auch Vorgaben machen?  

„Frau Entscheiderin, warum sollte ich mich gerade für Ihr Unternehmen entscheiden? Für die Antwort gebe ich Ihnen eine Minute Zeit.“

Darf der Interessent nicht? Wo bleibt dann die Augenhöhe?

Unsere Ansicht:

Es kommen zwei Seiten (großartiges Unternehmen und ein performanter Leistungsträger) gleichberechtigt zum Gespräch zusammen. Es reden Profis miteinander, dies sollte sich in der Gesprächsatmosphäre ausdrücken, d.h. gegenseitiger Respekt und Wertschätzung sollten die Grundhaltung für das Gespräch bilden. Beide Seiten wollen herausarbeiten, ob der jeweilige Gesprächspartner die Voraussetzungen für eine erfolgreiche, langfristige Zusammenarbeit bietet. Die Haltung, die die Fragestellung bzw. die Aufforderung zu erkennen gibt, deutet auf ein oben-unten-Verhältnis hin, das durch Sprache nach außen sichtbar verdeutlicht wird. Wer soll für eine Person, die dies offenbar zur Bestätigung des eigenen Ranges oder Egos braucht, gerne arbeiten?    

Unser Vorschlag: Machen Sie es besser!

Wollen Sie signalisieren, dass das Gespräch aus Ihrer Sicht langsam zum Abschluss kommen kann, geht das doch auch freundlich:

„Frau xxx, ich nehme einen sehr guten Eindruck aus diesem Gespräch mit. Gibt es abschließend etwas, das Sie uns noch mitteilen oder fragen möchten, bzw. was wir über Sie noch wissen sollten?“.

Oder wollen Sie testen, ob der Interessent kurz und knapp das Wesentliche auf den Punkt bringen kann? Entweder haben Sie doch bereits im Verlauf des gesamten Gesprächs festgestellt, dass er dies kann. Dann ist die „Eine Minute-Ansage“ nicht nötig.

Oder Sie haben im Verlauf den Eindruck, dass er genau dies nicht kann, für Ihr Empfinden also zu ausschweifend und vage ist. Dann empfiehlt es sich, dies bereits früh im Gespräch durch konkrete Nachfragen zu erkennen zu geben. Entweder merkt der Interessent dies und kann sich darauf einstellen (positiv) oder eben nicht (dann werden Sie ihn wahrscheinlich nicht gewinnen wollen).  Wenn Sie den Interessenten aber über das gesamte Gespräch ausschweifend philosophieren lassen und damit klar ist, dass Sie ihn nicht einstellen werden: Wozu sich erstens so lange durch das Gespräch quälen und zweitens dem Gespräch dann auch noch eine Schärfe geben, in dem Sie dem Interessenten auf einmal Vorgaben machen, was dann, drittens, dem gesamten bisherigen Eindruck des Gesprächs auch noch zuwiderläuft?

Letztlich sind es die Menschen, die Sie beschäftigen, die den Unterschied machen, ob Sie im Markt die Nase vorn haben. Diese Menschen entscheiden sich für Sie, wenn sie sich in Ihnen, Ihrer Gesprächsführung, Ihrer Firma und in der Vakanz und in der Art des Umganges miteinander wiederfinden. Eine top-down-Ansage braucht es dazu nicht.

Menschen, die Befehle benötigen und umsetzen, machen es einem als Vorgesetzten einfach. Inspirierend sind sie aber nicht…